Dr. Andreas Clemens: Vom Klinikbett zum Milliarden-Geschäft

Wie ein Hildesheimer Arzt die Pharmabranche prägt und Millionen Patienten hilft

BASEL / FREIBURG Wenn Dr. Andreas Clemens durch die Gänge des Novartis-Hauptsitzes in Basel geht, denkt er manchmal noch an seine Zeit im Klinikum Ludwigshafen zurück. Damals, vor über 20 Jahren, stand er am Bett von Diabetes-Patienten. Heute steuert der 58-Jährige ein Geschäft im Wert von sechs Milliarden US-Dollar und verantwortet medizinische Strategien, die Millionen von Menschen weltweit erreichen.

Clemens, geboren am 6. Mai 1966 in Hildesheim, ist einer der einflussreichsten Medizinmanager der deutschen Pharmabranche. Als Global Head Medical Affairs für Secukinumab bei Novartis leitet er ein Team von über 50 Mitarbeitenden, verantwortet mehr als 100 klinische Studien und hat bereits über 130 wissenschaftliche Publikationen verfasst. Sein Weg begann am Krankenbett.

Die Anfänge: Von Hildesheim nach Göttingen

Andreas Clemens wuchs als zweiter Sohn des Gynäkologen Herbert Clemens und seiner Frau Dorothea (geb. Wette) in Hildesheim auf. Nach dem Abitur 1985 zog es ihn nach Göttingen, wo er an der Georg-August-Universität Medizin studierte. 1994 promovierte er zum Dr. med.

Seine Facharztausbildung absolvierte Clemens an der Universitätsklinik Kiel, zunächst in der Inneren Medizin, später am Institut für Pathologie. "Die Pathologie hat mir geholfen, Krankheiten von Grund auf zu verstehen", erzählt er heute. 1997 wechselte er ans Universitätsklinikum Heidelberg, wo er sich auf Endokrinologie spezialisierte.

Der Wendepunkt kam 2000 am Klinikum Ludwigshafen. Dort baute Clemens nicht nur ein Diabetes-Bildungszentrum auf, sondern entwickelte ein strukturiertes Versorgungskonzept für Diabetiker im gesamten Krankenhaus. "Ich wollte nicht nur einzelne Patienten behandeln, sondern Systeme verbessern", sagt er.

Der Sprung in die Industrie: Vom Arzt zum Strategen

2001 wagte Clemens den Schritt, den viele Kollegen damals noch skeptisch sahen: Er verließ die Klinik und wechselte zur Pharmaindustrie. Bei Pfizer startete er als Medical Advisor für Kardiologie, Endokrinologie und Diabetes und lernte schnell, wie komplex die Entwicklung neuer Medikamente wirklich ist.

Seine ersten großen Projekte waren die Markteinführungen von EXUBERA, dem ersten inhalierten Insulin, und SOMAVERT, einem Wachstumshormon-Antagonisten. "Das war eine völlig neue Welt", erinnert sich Clemens. "Plötzlich ging es nicht mehr um einzelne Patienten, sondern um Strategien, die Tausende betreffen."

2008 wechselte er zu Boehringer Ingelheim und bekam dort eine Aufgabe, die seine Karriere prägen sollte: die weltweite Einführung von PRADAXA, einem Gerinnungshemmer, der die Behandlung von Schlaganfallpatienten revolutionieren sollte. Clemens baute ein globales Team von zwei auf zwölf Mitarbeitende auf, koordinierte Zulassungsverfahren in über 50 Ländern und erreichte innerhalb von nur elf Monaten den Blockbuster-Status.

Als es zu Blutungsnotfällen kam, initiierte Clemens die Entwicklung eines Antidots und veröffentlichte Leitlinien für Notfallmediziner. "Patientensicherheit steht immer an erster Stelle", betont er. Diese Haltung brachte ihm den Co-Vorsitz im globalen Pharmakovigilanz-Arbeitskreis ein.

2014 wechselte Clemens zu Novartis und stieg dort schnell auf. Er leitete Franchises für Primary Care, Respiratory und schließlich Ophthalmologie. Er verantwortete nicht nur Strategien, sondern auch die Überwachung von über 100 Phase-IV-Studien in ganz Europa. "Jede Studie ist eine Chance, mehr über unsere Medikamente zu lernen", sagt er.

Zwischen Basel und Freiburg: Der Dozent

Trotz seiner Management-Verantwortung hat Clemens nie den Kontakt zur Wissenschaft verloren. 2016 habilitierte er sich in Innerer Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie an der Universität Mainz und wurde zum Privatdozenten ernannt. Seitdem doziert er regelmäßig an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Klinischer Kardiologie, Drug Development, Innerer Medizin und Endokrinologie.

"Die Lehre hält mich auf dem Boden", sagt Clemens. "Wenn ich Studierenden erklären muss, warum eine Strategie funktioniert, muss ich sie selbst noch einmal durchdenken." Neben Freiburg unterrichtet er auch in Mainz, am Schülerforschungszentrum Region Freiburg und am Freiburger Seminar.

Seine wissenschaftliche Arbeit ist beeindruckend: Über 130 peer-reviewte Publikationen, ein H-Index von 48 und ein kumulativer Impact Factor von über 337. Er ist assoziierter Editor der Zeitschrift Contemporary Clinical Trials und Mitglied der European Association for Vision and Eye Research Foundation.

Seit 2024 leitet Clemens als Global Head Medical Affairs die Strategie für Secukinumab, ein Medikament gegen Autoimmunerkrankungen, das ein Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft darstellt. Gleichzeitig verantwortet er die medizinische Strategie für autoinflammatorische Erkrankungen und okulare Gentherapien.

Jenseits des Büros: Der Mensch hinter dem Manager

Wer Clemens nur aus dem Konferenzsaal kennt, würde vielleicht überrascht sein: Der Medizinmanager ist auch Teamarzt beim VfR Merzhausen e.V., einem Fußballverein in der Nähe von Freiburg. "Sport verbindet", sagt er. "Und manchmal brauche ich einfach den Ausgleich."

Früher trainierte er junge Mountainbiker beim SV Kirchzarten und beim Lexware Junior Mountainbike Team. "Jugendliche zu betreuen, ihnen etwas beizubringen, das gibt mir Energie", erklärt Clemens. Diese Leidenschaft für Bildung zeigt sich auch in seiner akademischen Arbeit.

Was treibt ihn an? "Ich will Brücken bauen", sagt Clemens. "Zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Klinik und Industrie, zwischen Forschung und Patienten." Seine Motivation: sicherstellen, dass innovative Therapien diejenigen erreichen, die sie brauchen, nicht nur in reichen Ländern, sondern überall.

In den letzten Jahren hat Clemens den New Brand Medical Incubator Europe bei Novartis aufgebaut, eine Einheit, die neue Medikamente von der Entwicklung bis zur Markteinführung begleitet. Er leitete die Integration von Alcon Pharma und entwickelte smart Strategien für seltene Erkrankungen, die das Leben von Millionen Patienten in Europa verbessern sollen.

"Echter Impact entsteht, wenn Wissenschaft, Praxis und Menschen zusammenkommen", sagt Clemens. "Das ist mehr als nur ein Job, das ist eine Mission." Und so verbindet er weiterhin seine Management-Expertise mit seiner Leidenschaft für Bildung, seine wissenschaftliche Neugier mit seinem Engagement für die Gemeinschaft. Ein Brückenbauer, der zeigt, dass Medizin mehr ist als nur Geschäft, sie ist eine Verantwortung.

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